Machtstrukturen im Alltag: Patriarchat, aber leise
Über Pink Tax, weibliche Wut, medizinische Ungleichheit und die kleinen Momente, in denen Alltag politisch wird.
Vorab stellt sich die Frage: Muss das Patriarchat immer laut sein, um als große Ungerechtigkeit oder als großes Verbot zu gelten? Diese Frage lässt sich ganz klar mit Nein beantworten. Denn Ungerechtigkeit hat oft auch schleichende, leise Facetten.
Das Patriarchat kann manchmal im Drogeriemarkt im Regal stehen. Es kann beim Weihnachtsessen sitzen und sagen: „Stell dich doch nicht so an.“ Oder es fragt dich im Streit, warum du denn so emotional bist und ob du vielleicht deine Periode hast.
All das sind leider noch immer alltägliche Konfrontationen einer modernen Frau. Diese „Kleinigkeiten“, die für manche harmlos wirken, ergeben zusammen ein problematisches System.
Pink Tax: Wenn Frausein teuer wird
Jeder Frau ist vermutlich in ihrem Leben schon einmal aufgefallen, dass Produkte und Dienstleistungen für sie fast wie Luxusgüter behandelt werden. Aber wie kann es sein, dass ein System anhand des Geschlechts entscheidet, wie viel man als Frau oder Mann für etwas zahlen muss, das doch eigentlich unabhängig vom Geschlecht genutzt wird?
Dieses Phänomen nennt man Pink Tax.
Die Pink Tax beschreibt, dass Produkte oder Dienstleistungen, die an Frauen vermarktet werden, teilweise teurer sind als vergleichbare Produkte für Männer. Das betrifft zum Beispiel Rasierprodukte, Körperpflege, Parfum, Friseurbesuche oder die Reinigung von Kleidung.
Somit wird sogar die Drogerie zu einem politischen Ort für Frauen. Woran liegt es, dass ein Rasierer für uns plötzlich teurer wird, sobald er weich, feminin und pastellfarben aussieht? Ist Rasieren nicht eigentlich eine Sache, die auch Männer betrifft? Das würde zumindest plausibler erscheinen. Trotzdem wird jede mögliche Art von Körperpflege vor allem auf Frauen projiziert.
Frauen wird auch im Jahr 2026 noch das stereotype Bild vorgehalten, dass sie gepflegt, schön, glatt und „angenehm“ sein müssen. Aber ist das überhaupt wahr? Und was ist mit Männern? Müssen sie rau, hart und „männlich“ sein?
Ich gehe davon aus, dass Männer in der heutigen Gesellschaft nicht wie Höhlenmenschen leben, die sich nur alle zwei Wochen am Fluss waschen. Ich glaube auch, dass sie ein Bedürfnis nach Hygiene haben. Trotzdem werden Drogerieartikel, Körperpflege und Schönheit immer noch viel stärker Frauen zugeschrieben.
Die Arbeiterkammer Salzburg fand 2025 bei Körperpflegeprodukten für eine typische Morgenhygiene einen Preisunterschied von 35,4 Prozent: Frauenprodukte kosteten im Schnitt 60,10 Euro, vergleichbare Männerprodukte 44,40 Euro. Eine ältere IHS-Studie zu Gender Pricing in Österreich beschreibt höhere Preise für Frauen unter anderem bei körperbezogenen Dienstleistungen wie Friseur- oder Reinigungsleistungen sowie bei Drogerieartikeln.
Aber natürlich wird auch dieses Problem oft totgeschwiegen.
Gesundheit: Wenn Frauen später ernst genommen werden
Beginnen wir dieses Thema mit einem persönlichen Einblick: Wie oft ich mir bei Ärzt*innen schon anhören musste, ob ich schwanger sein könnte, ob es vielleicht nur Stress sei oder ob es an den Hormonen liege. Und wie frustrierend es jedes Mal war, bei einem ernsthaften Problem auf mein Geschlecht reduziert zu werden.
Auch in meinem Umfeld höre ich, dass es vielen nicht anders geht. Selbst in der medizinischen Grundversorgung, die eigentlich ein Menschenrecht sein sollte, gibt es noch immer Machtgefälle.
Wie kann das sein, wenn wir hier in Österreich doch über moderne und erfahrene Medizin verfügen?
Das Problem lässt sich mit dem Gender Health Gap erklären. Der Gender Health Gap beschreibt Unterschiede in medizinischer Forschung, Diagnose und Behandlung. Frauenkörper wurden lange weniger erforscht, Symptome können anders auftreten, und Beschwerden von Frauen werden häufiger psychologisiert oder abgetan.
Frauen hören schneller: Stress, Hormone, Psyche oder Übertreibung. Das heißt nicht, dass alle Ärzt*innen so handeln. Aber es gibt ein strukturelles Muster.
Herzinfarkt wird oft männlich gelesen
Herz-Kreislauf-Erkrankungen wurden lange stark am männlichen Körper erforscht. Symptome bei Frauen können anders auftreten, anders wahrgenommen oder später erkannt werden.
Medizinische Forschung war nie völlig neutral
Wenn Studien überwiegend an Männern durchgeführt werden oder Ergebnisse nicht sauber nach Geschlecht analysiert werden, entsteht Wissen, das nicht alle Körper gleich gut abbildet.
Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2022 kommt zu dem Ergebnis, dass Frauen in der medizinischen Literatur weiterhin breit unterrepräsentiert sind und Sex/Gender oft schlecht berichtet oder analysiert werden. Eine systematische Review zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen aus dem Jahr 2024 berichtet außerdem, dass Frauen seltener diagnostische Tests und Medikamente erhielten als Männer, was sich auf Krankheitsverläufe auswirken kann.
Die MedUni Wien verweist auf den Gender Health Gap Report 2024 des Weltwirtschaftsforums: Frauen leben weltweit im Schnitt länger, verbringen aber weniger Jahre in guter Gesundheit. Die Krankheitslast in den Erwerbsjahren ist hoch.
Aber wenn wir das Problem kennen, warum tun wir dann so wenig dagegen?
Der männliche Blick: Wenn der eigene Körper ständig bewertet wird
Der männliche Blick beginnt nicht erst dann, wenn jemand offen starrt oder einen Kommentar macht. Er beginnt oft viel früher: in dem Moment, in dem Frauen lernen, sich selbst von außen zu betrachten.
Sitzt mein Oberteil richtig? Ist der Rock zu kurz? Wirke ich zu auffällig, zu sexy, zu ungepflegt, zu laut, zu viel?
Frauen wachsen in einer Gesellschaft auf, in der ihr Aussehen ständig bewertet wird. Nicht nur von Männern, sondern von einem ganzen System, das Frauenkörper wie öffentliche Diskussionsthemen behandelt. Haare, Gewicht, Kleidung, Make-up, Haut, Alter, Sexualität — alles scheint kommentierbar zu sein. Und irgendwann wird dieser Blick nicht mehr nur von außen ausgeübt, sondern sitzt im eigenen Kopf.
Das Heimtückische daran ist, dass diese Kontrolle oft als Normalität verkauft wird. Frauen sollen schön sein, aber nicht eingebildet. Sexy, aber nicht „billig“. Natürlich, aber trotzdem gepflegt. Selbstbewusst, aber nicht arrogant. Auffällig genug, um begehrenswert zu wirken, aber nicht so auffällig, dass sie angeblich nur „Aufmerksamkeit suchen“.
Egal, wie man sich entscheidet, irgendeine Bewertung wartet immer.
Der männliche Blick macht aus dem eigenen Körper ein Projekt, das ständig überprüft werden muss. Er beeinflusst, was Frauen anziehen, wie sie sich bewegen, wann sie sich sicher fühlen und wie viel Raum sie sich nehmen.
Er sorgt dafür, dass ein Outfit nicht einfach nur ein Outfit ist, sondern oft auch eine Abwägung: Gefalle ich mir? Wirke ich sicher? Werde ich ernst genommen? Werde ich sexualisiert?
Und genau deshalb ist der männliche Blick politisch. Weil er Frauen nicht nur anschaut, sondern begrenzt. Er nimmt Raum ein, bevor Frauen überhaupt einen Raum betreten haben. Er macht aus Freiheit eine ständige Selbstkontrolle.
Vielleicht ist das Ziel also nicht, nie wieder bewertet zu werden. Vielleicht ist das Ziel, diesen Blick zu erkennen — und ihm nicht mehr automatisch die Macht zu geben, über den eigenen Wert zu entscheiden.
Wenn man über Patriarchat spricht, denken viele sofort an große Ungerechtigkeiten, klare Verbote oder offensichtliche Diskriminierung. Aber oft zeigt es sich viel leiser: in Produkten, die für Frauen teurer sind. In Schmerzen, die weniger ernst genommen werden. In Blicken, die Körper bewerten, bevor Menschen gesehen werden.
Die Pink Tax, der Gender Health Gap und der männliche Blick wirken auf den ersten Blick wie einzelne Probleme. Doch zusammen zeigen sie ein Muster: Frauen zahlen mehr, müssen stärker um Glaubwürdigkeit kämpfen und lernen früh, sich selbst durch fremde Augen zu sehen.
Vielleicht ist genau das die Gefahr an diesen leisen Machtstrukturen: Sie wirken einzeln oft zu klein, um sich darüber aufzuregen. Ein teureres Produkt. Ein abgetaner Schmerz. Ein unangenehmer Blick. Ein Kommentar, der angeblich nicht so gemeint war.
Aber wenn sich diese Dinge wiederholen, werden sie zu Alltag.
Und Alltag formt, wie wir uns selbst sehen.
Das Problem ist nicht, dass Frauen zu empfindlich sind. Das Problem ist, dass sie sehr genau spüren, wo etwas unfair ist — auch dann, wenn es leise passiert.
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