Ich lernte, meinen Körper zu hassen
Ich kann mich ehrlich gesagt gar nicht mehr daran erinnern, meinen Körper einfach nur als Körper betrachtet zu haben. Schon seit meiner Schulzeit sehe ich ihn eher als eine Art Kunstprojekt – eines, das andere zum Staunen bringen soll, das aber gleichzeitig niemals der Kritik standhalten kann. Es gibt immer etwas, das schöner, dünner, glatter oder einfach anders sein könnte.
Aber warum ist das eigentlich so? Warum fühlen sich so viele Frauen in ihrem eigenen Körper unwohl? Und warum haben wir ständig das Gefühl, einem bestimmten Bild entsprechen zu müssen?
Die Erwartungen werden uns in die Wiege gelegt
Wann beginnt eigentlich das Urteil über den Körper einer Frau? In der Schule? In der Pubertät? Erst im Erwachsenenalter?
Leider viel früher.
Oft beginnt es bereits in der Kindheit mit vermeintlich harmlosen Aussagen wie:
„Ui, du bist aber etwas moppelig geworden.“
oder
„Du hast aber einen großen Hunger!“
Für einen Erwachsenen sind das vielleicht beiläufige Bemerkungen. Bei einem Kind können solche Sätze aber viel mehr auslösen, als man denkt. Plötzlich entsteht eine Frage, die vorher vielleicht überhaupt nicht da war: Esse ich zu viel? Bin ich dick? Stimmt etwas mit meinem Bauch nicht?
Kinder kommen nicht auf die Welt und betrachten ihren Bauch, ihre Beine oder ihre Arme als Problemzonen. Irgendwann lernen sie, dass es offenbar Dinge an ihrem Körper gibt, die bewertet werden können.
Besonders problematisch finde ich solche Kommentare gegenüber Jugendlichen in der Pubertät. Diese Lebensphase bringt ohnehin enorme körperliche Veränderungen und Unsicherheiten mit sich. Man versucht herauszufinden, wer man eigentlich ist, während sich gleichzeitig der eigene Körper verändert. Genau in dieser Phase auch noch ständig zu hören, was angeblich nicht richtig an einem ist, kann diese Unsicherheit nur verstärken.
Und es bleibt nicht beim Gewicht.
Mit Schule und Pubertät kommen immer mehr Kriterien dazu, in die man sich irgendwie hineinbiegen soll: Haut, Haare, Kleidung, Make-up, Figur, Brüste.
Gerade in der Pubertät verbringen wir extrem viel Zeit mit unserer Peergroup. Und plötzlich hört man Sätze wie:
„Du schminkst dich viel zu stark.“
„Warum schminkst du dich gar nicht?“
„Deine Brüste sind voll groß.“
„Du hast aber kleine Brüste.“
„Warum ziehst du dich so komisch an?“
Egal, was man macht – irgendetwas scheint immer falsch zu sein.
Dabei versucht man in dieser Zeit eigentlich nur, herauszufinden, wer man selbst sein möchte.
Das Schönheitsideal – wer hat entschieden, dass wir so aussehen müssen?
Sobald man Zugang zu Social Media hat, wird man mit vermeintlich perfekten Körpern konfrontiert. Auf TikTok, Instagram und Co. präsentieren Influencer:innen Körper, Gesichter und Leben, die irgendwann beginnen, für uns „normal“ auszusehen.
Aber was ist überhaupt ein normaler Körper? Und wer entscheidet, was schön ist?
In diesem Zusammenhang finde ich den Begriff des Male Gaze besonders interessant. Er beschreibt ursprünglich, wie Frauen in Medien aus einer heterosexuell-männlichen Perspektive dargestellt werden und dadurch häufig zum Objekt des Betrachtens werden. Diese Perspektive kann auch beeinflussen, wie Frauen lernen, sich selbst und ihren Körper zu betrachten.
Die Erwartungen sind dabei teilweise vollkommen widersprüchlich:
Eine Frau soll schlank sein – aber bitte nicht „zu dünn“.
Sie soll natürlich aussehen – aber niemals müde.
Sie soll feminin und sexy sein – aber bloß nicht „billig“.
Sie soll Kurven haben – aber bitte an den richtigen Stellen.
Und Dehnungsstreifen, Cellulite, Pickel oder Körperbehaarung? Am besten gar nicht.
Aber ist das überhaupt realistisch?
Nein.
Wir können uns unsere Genetik nicht aussuchen. Wir entscheiden nicht darüber, mit welcher Körperform wir geboren werden, wo unser Körper Fett speichert, wie unsere Haut aussieht oder ob wir Cellulite und Dehnungsstreifen bekommen.
Trotzdem sehen wir online häufig nicht die Realität, sondern eine optimierte Version davon. Filter, gutes Licht, Posen und Bildbearbeitung können aus einem echten Körper ein scheinbar perfektes Ideal machen.
Gerade auf Jugendliche kann das einen enormen Einfluss haben. Man sieht Menschen, zu denen man aufschaut, und beginnt automatisch, sich mit ihnen zu vergleichen: Warum sehe ich nicht so aus? Was muss ich verändern, damit ich auch so aussehe?
Aber nicht nur Social Media spielt dabei eine Rolle. Werbung und die Beauty- und Diätindustrie leben ebenfalls davon, uns vermeintliche Probleme zu zeigen und direkt die passende Lösung zu verkaufen.
Die perfekte Figur. Reinere Haut. Weniger Falten. Glattere Beine. Schönere Haare.
Und irgendwann entsteht daraus die Botschaft:
Ich muss als Frau schön sein. Und so, wie ich gerade bin, reicht es offenbar noch nicht.
Meine Geschichte
Achtung, jetzt wird es persönlich.
Da ich selbst schon sehr früh von Schönheitsidealen und der Bewertung meines Körpers betroffen war, möchte ich hier auch meinen eigenen Senf dazugeben. Vielleicht erkennt sich jemand darin wieder. Und vielleicht merkt dadurch jemand, dass er mit diesen Gedanken nicht alleine ist.
Ich kam relativ früh in die Pubertät. Für mich war das extrem schwierig, weil ich dafür überhaupt noch nicht bereit war. Ich wollte eigentlich einfach noch Kind sein.
Mein Körper hatte allerdings andere Pläne.
Ich bekam Brüste, meine Figur veränderte sich und während die Pubertät bei anderen in meinem Alter teilweise noch überhaupt kein Thema war, steckte ich bereits mittendrin.
Und diese Veränderungen blieben nicht unbemerkt.
Ich wurde von Lehrpersonen darauf hingewiesen, dass ich mich bei hohen Temperaturen mehr bedecken sollte, weil mein Ausschnitt andere ablenken könnte. Gleichzeitig begannen Jungs aus meiner Klasse, meine körperlichen Veränderungen zu kommentieren.
Plötzlich war mein Körper nicht mehr nur meiner.
Andere Menschen hatten eine Meinung dazu.
Doch dabei blieb es nicht. Durch ständiges Mobbing begann ich, aus Frust zu essen, wodurch ich immer weiter zunahm. Und mit jedem Kilo wurde das Mobbing schlimmer.
Schnell war ich der „Klassenelefant“. Meine Mitschüler:innen machten sich über meinen Körper lustig und ich begann immer mehr zu verstehen: Mein Körper ist offenbar etwas, für das ich mich schämen sollte.
Eine Erinnerung ist mir bis heute besonders stark im Kopf geblieben.
Auf einer Klassenfahrt wollte ich nicht im Badeanzug schwimmen gehen, weil ich mich für meinen Körper schämte. Meine Freundinnen ermutigten mich schließlich dazu und irgendwann traute ich mich doch.
Was ich nicht wusste: Jemand machte ein Foto von mir, während ich ins Wasser ging. Dieses Foto wurde anschließend mit abwertenden Kommentaren in der Schule herumgeschickt.
Für mich war das einer der Momente, in denen sich etwas verändert hat.
Ich begann, meinen Körper nicht nur zu verstecken.
Ich begann, ihn zu hassen.
Es folgten unzählige Diäten und irgendwann entwickelte sich daraus bei mir eine Essstörung mit Bulimie. Ich verlor fast 20 Kilogramm.
Und dann passierte etwas, das mir bis heute zeigt, wie absurd unsere Vorstellung von Körpern teilweise ist:
Als mein Körper gesundheitlich an einem seiner schlechtesten Punkte war, bekam ich plötzlich Komplimente.
Ich wurde gelobt. Menschen beneideten mich. Ich wurde wieder anders wahrgenommen.
Von außen sahen Menschen einen dünneren Körper.
Was sie nicht sahen, war der Preis dafür.
Man könnte denken, das sei einfach ein dunkles Kapitel meiner Pubertät gewesen. Aber so einfach ist es leider nicht. Auch heute begleitet mich manchmal noch diese kleine Stimme im Hinterkopf:
„Du isst zu viel.“
„In diesem Kleid siehst du dick aus.“
„Vielleicht solltest du wieder ein bisschen abnehmen.“
Ich habe mittlerweile viel gelernt und sehe vieles anders als damals. Trotzdem verschwinden Gedanken, die man jahrelang über sich selbst gelernt hat, nicht einfach über Nacht.
Und wenn ich heute darüber nachdenke, macht mich eine Sache besonders traurig:
Ich habe in meinem Leben so viel Energie darauf verwendet, schöner werden zu wollen, dass ich manchmal vergessen habe, einfach zu leben.
Schlussgedanken
Die einfachste Botschaft wäre wahrscheinlich: Liebe dich selbst.
Aber ich glaube mittlerweile, dass es nicht ganz so einfach ist.
Man kann einem Menschen, der jahrelang gelernt hat, seinen Körper zu kritisieren, nicht einfach sagen, dass er ihn ab morgen lieben soll. Auch ich habe Tage, an denen ich mich schön und wohl in meinem Körper fühle. Und ich habe Tage, an denen genau das überhaupt nicht funktioniert.
Vielleicht müssen wir unseren Körper deshalb nicht jeden einzelnen Tag wunderschön finden.
Vielleicht reicht es manchmal schon, ihn nicht als unseren Feind zu betrachten.
Denn unser Körper war nie das eigentliche Problem. Das Problem ist, dass wir gelernt haben, ihn ständig durch die Augen anderer Menschen zu betrachten.
Unser Körper trägt uns durch unser Leben. Er verändert sich mit uns, erlebt mit uns, heilt, wächst und ermöglicht uns, dieses Leben überhaupt zu erfahren. Vielleicht verdient er deshalb ein bisschen mehr Dankbarkeit und ein bisschen weniger Kritik.
Und seien wir ehrlich:
Wäre die Welt nicht verdammt langweilig, wenn wir alle gleich aussehen würden?
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